Ökumenisches Treffen von Papst Benedikt XVI. mit dem Ratsvorsitzendem der EKD im Evangelischen Augustinerkloster zu Erfurt am 23. September 2011

Alles begann am 25. März 2011: Eine Delegation des Vatikans, der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) besuchten das Augustinerkloster. Es sollte geprüft werden, ob und an welchen Orten im Kloster das ökumenische Gespräch zwischen Papst Benedikt XVI. und dem Ratsvorsitzenden der EKD, Nikolaus Schneider, stattfinden könnte.

Nach diesem ersten Treffen wurde festgelegt, dass der Kapitelsaal für das ökumenische Gespräch und die Augustinerkirche für den ökumenischen Gottesdienst genutzt werden sollten. Mitte April 2011 kam dann die offizielle Bestätigung: Das ökumenische Treffen wird am 23. September 2011 im Evangelischen Augustinerkloster zu Erfurt stattfinden.

Es folgten viele Gespräche und Sitzungen.

Am 23. September 2011 traf Papst Benedikt XVI. um 12.00 Uhr im Augustinerkloster ein. Präses Nikolaus Schneider und die Landesbischöfin der EKM, Ilse Junkermann, begrüßten den hohen Gast vor dem Westflügel des Klosters.

Im Kreuzgang wurden Papst Benedikt XVI. der stellvertretende Landesbischof Dr. Hans Mikosch und der Kurator Lothar Schmelz vorgestellt. Beide begrüßten den Papst sehr herzlich.

Es folgte das ökumenische Gespräch im Kapitelsaal.

Anschließend fand der ökumenische Gottesdienst in der Augustinerkirche statt. Die Ansprachen und die Predigt können Sie auf dieser Seite (weiter unten) lesen.

Ca. 13.30 Uhr wurde der Papst von der Präses der EKD Synode, Frau Katrin Göring-Eckardt, dem Vorsitzenden des Rates der EKD, Nikolaus Schneider, und der Landesbischöfin der EKM, Ilse Junkermann, verabschiedet.

Es war für das Augustinerkloster, die Landeshauptstadt Erfurt und für Thüringen eine historische Begegnung, die weltweites Interesse gefunden hat.

Oft wurde und werde ich gefragt, ob ich von der Begegnung enttäuscht gewesen sei. Darauf antworte ich ganz klar „Nein“. Allein, dass das Treffen an diesem Ort, in dieser Lutherstätte stattgefunden hat, ist ein großes und historisches Zeichen der Ökumene. Bis vor wenigen Wochen noch war es für mich unvorstellbar, dass Papst Benedikt XVI. und der Ratsvorsitzende der EKD sich an dieser Lutherstätte zu einem Gespräch und einem gemeinsamen Gottesdienst treffen würden.

Ich wünsche Ihnen beim Lesen dieser Seite viel Freude und ich lade Sie ein, diesen Ort zu besuchen. Meine Mitarbeitenden und ich freuen uns, Sie in dieser Lutherstätte Augustinerkloster zu Erfurt begrüßen zu dürfen. Seien Sie uns herzlich willkommen!

Erfurt, im Dezember 2011

Lothar Schmelz
- Kurator -

Ilse Junkermann

Begrüßung im Kapitelsaal des Evangelischen
Augustinerklosters zu Erfurt

Eure Heiligkeit, Papst Benedikt XVI.,
lieber Bruder in Christus!
Sehr geehrter Vorsitzender des Rates der EKD,
lieber Bruder Präses!
Sehr verehrte Eminenzen und Exzellenzen,
liebe Brüder im Bischofsamt und Präsidenten,
sehr geehrte Professorinnen und Professoren,
liebe Schwestern und Brüder!

Sehr herzlich heiße ich Sie im Namen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland hier im Kapitelsaal des Evangelischen Augustinerklosters zu Erfurt willkommen!

Es ist für unsere Kirche eine große Ehre und eine noch größere Freude, Ihnen mit unserem Haus und der Klosterkirche für diese Begegnung und den Gottesdienst dienen zu können. „Historisch“ nennen viele diese Begegnung. In dieser Bezeichnung kommt die hohe politische und gesellschaftliche Bedeutung zum Ausdruck, die von der Öffentlichkeit dieser Begegnung beigelegt wird.

Ich möchte diese Begegnung als eine geschichtlich bedeutsame verstehen. Und zwar in dem Sinn, wie wir es von unseren jüdischen Glaubensgeschwistern wissen und von unseren Gottesdiensten her verstehen: Geschichte liegt vor uns. Auch wenn es um Geschehen und Ereignisse in der Vergangenheit geht, so sind wir eingeladen und aufgefordert, die Geschichte in unsere Gegenwart aufzunehmen und uns so in diese Geschichte hineinzubegeben.

Dies gilt für die jährliche Feier des Passamahles wie für die Feier der Eucharistie und des Abendmahls. In Jesu Einsetzungsworten „...solches tut zu meinem Gedächtnis“ ruft er uns: Nehmt diese Geschichte in Eure Gegenwart auf. In diesem Mahl bin ich mitten unter Euch.

Bei allem, was uns an einer gemeinsamen Feier dieses Mahls hindert, dies eine verbindet uns gewiss: wir feiern dieses Mahl im Gedenken an unseren Herrn Jesus Christus und seinen großen Versöhnungsdienst an uns so, dass wir uns von ihm einladen lassen und stärken als solche, die zu seiner Geschichte gehören. Wir sollen und dürfen ein Teil dieser Geschichte werden. Wir sollen und dürfen Anteil an dieser Geschichte bekommen – dass wir mit ihr unsere Gegenwart und Zukunft gestalten.

Und das hat eine Wirkung auf unsere Geschichte, die wir gemeinsam haben und auf die Geschichte unserer Verschiedenheit und Trennung. Auch diese Geschichte ist nicht abgeschlossen und vorbei, schon gar nicht so, dass wir auf sie festgelegt werden. Auch diese z. T. überaus schmerzhafte Geschichte liegt so vor uns, dass wir in der Gegenwart, heute, in sie hineingehen und Gemeinschaft suchen im Gespräch miteinander und im Hören auf Gottes Wort.

In diesem Sinn ist die Begegnung heute geschichtlich bedeutsam. Welche Führung und Entscheidung, dass wir an diesem Ort zusammengekommen sind, an diesem Ort, der uns anspricht, der mit seiner Geschichte zu uns heute spricht.

Gottes Heiliger Geist lasse uns segensreiche Schritte in diese Geschichte hineingehen.

Ilse Junkermann,
Landesbischöfin
der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Papst Benedikt XVI.

Ansprache im Kapitelsaal des Evangelischen Augustinerklosters zu Erfurt

Liebe Brüder und Schwestern!

Wenn ich hier das Wort ergreife, möchte ich zunächst von Herzen danken, daß wir da zusammenkommen können. Mein besonderer Dank gilt Ihnen, lieber Bruder Präses Schneider, daß Sie mich willkommen geheißen und mich durch Ihre Worte in Ihre Runde aufgenommen haben. Sie haben Ihr Herz geöffnet, den wirklich gemeinsamen Glauben, die Sehnsucht nach Einheit offen ausgedrückt. Und wir freuen uns auch, denn ich glaube, daß diese Sitzung, unsere Begegnungen auch als das Fest der Gemeinsamkeit des Glaubens begangen werden. Ich möchte allen noch danken für das Geschenk von Ihnen, daß wir hier, an diesem historischen Ort miteinander als Christen sprechen dürfen.

Für mich als Bischof von Rom ist es ein tief bewegender Augenblick, hier im alten Augus-tinerkloster zu Erfurt mit Ihnen zusammenzutreffen. Wir haben es eben gehört: Hier hat Luther Theologie studiert. Hier hat er seine erste heilige Messe gefeiert. Gegen den Wunsch seines Vaters ist er nicht beim Studium der Rechte geblieben, sondern hat Theologie studiert und sich auf den Weg zum Priestertum in der Ordensgemeinschaft des heiligen Augustinus gemacht. Und auf diesem Weg ging es ihm ja nicht um dieses oder jenes. Was ihn umtrieb, war die Frage nach Gott, die die tiefe Leidenschaft und Triebfeder seines Lebens und seines ganzen Weges gewesen ist.
„Wie kriege ich einen gnädigen Gott“: Diese Frage hat ihn ins Herz getroffen und stand hinter all seinem theologischen Suchen und Ringen. Theologie war für Luther keine akademische Angelegenheit, sondern das Ringen um sich selbst, und dies wiederum war ein Ringen um Gott und mit Gott.

„Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Daß diese Frage die bewegende Kraft seines ganzen Weges war, trifft mich immer wieder ins Herz. Denn wen kümmert das eigentlich heute noch  – auch unter Christenmenschen? Was bedeutet die Frage nach Gott in unserem Leben? In unserer Verkündigung? Die meisten Menschen, auch Christen, setzen doch heute voraus, daß Gott sich für unsere Sünden und Tugenden letztlich nicht interessiert. Er weiß ja, daß wir alle nur Fleisch sind. Und sofern man überhaupt an ein Jenseits und ein Gericht Gottes glaubt, setzen wir doch praktisch fast alle voraus, daß Gott großzügig sein muß und schließlich mit seiner Barmherzigkeit schon über unsere kleinen Fehler hinwegschauen wird. Die Frage bedrängt uns nicht mehr. Aber sind sie eigentlich so klein, unsere Fehler? Wird nicht die Welt verwüstet durch die Korruption der Großen, aber auch der Kleinen, die nur an ihren eigenen Vorteil denken? Wird sie nicht verwüstet durch die Macht der Drogen, die von der Gier nach Leben und nach Geld einerseits, von der Genußsucht andererseits der ihr hingegebenen Menschen lebt? Wird sie nicht bedroht durch die wachsende Bereitschaft zur Gewalt, die sich nicht selten religiös verkleidet?

Könnten Hunger und Armut Teile der Welt so verwüsten, wenn in uns die Liebe zu Gott und von ihm her die Liebe zum Nächsten, zu seinen Geschöpfen, den Menschen, lebendiger wäre? Und so könnte man fortfahren. Nein, das Böse ist keine Kleinigkeit. Es könnte nicht so mächtig sein, wenn wir Gott wirklich in die Mitte unseres Lebens stellen würden. Die Frage: Wie steht Gott zu mir, wie stehe ich vor Gott – diese brennende Frage Luthers muß wieder neu und gewiß in neuer Form auch unsere Frage werden, nicht akademisch sondern real. Ich denke, daß dies der erste Anruf ist, den wir bei der Begegnung mit Martin Luther hören sollten.

Und dann ist wichtig: Gott, der eine Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, ist etwas anderes als eine philosophische Hypothese über den Ursprung des Kosmos. Dieser Gott hat ein Gesicht, und er hat uns angeredet. Er ist im Menschen Jesus Christus einer von uns geworden – wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Luthers Denken, seine ganze Spiritualität war durchaus christozentrisch: „Was Christum treibet“, war für Luther der entscheidende hermeneutische Maßstab für die Auslegung der Heiligen Schrift. Dies aber setzt voraus, daß Christus die Mitte unserer Spiritualität und daß die Liebe zu ihm, das Mitleben mit ihm unser Leben bestimmt.

Nun könnte man vielleicht sagen: Schön und gut, aber was hat dies alles mit unserer ökumenischen Situation zu tun? Ist dies alles vielleicht nur ein Versuch, sich an den drängenden Problemen vorbeizureden, in denen wir auf praktische Fortschritte, auf konkrete Ergebnisse warten?

Ich antwortete darauf: Das Notwendigste für die Ökumene ist zunächst einmal, daß wir nicht unter dem Säkularisierungsdruck die großen Gemeinsamkeiten fast unvermerkt verlieren, die uns überhaupt zu Christen machen und die uns als Gabe und Auftrag geblieben sind. Es war der Fehler des konfessionellen Zeitalters, daß wir weithin nur das Trennende gesehen und gar nicht existentiell wahrgenommen haben, was uns mit den großen Vorgaben der Heiligen Schrift und der altchristlichen Bekenntnisse gemeinsam ist. Es ist für mich der große ökumenische Fortschritt der letzten Jahrzehnte, daß uns diese Gemeinsamkeit bewußt geworden ist, daß wir sie im gemeinsamen Beten und Singen, im gemeinsamen Eintreten für das christliche Ethos der Welt gegenüber, im gemeinsamen Zeugnis für den Gott Jesu Christi in dieser Welt als unsere gemeinsame, unverlierbare Grundlage erkennen.

Freilich, die Gefahr, daß wir sie verlieren, ist nicht irreal. Ich möchte zwei Gesichtspunkte kurz notieren. Die Geographie des Christentums hat sich in jüngster Zeit tiefgehend verändert und ist dabei, sich weiter zu verändern. Vor einer neuen Form von Christentum, die mit einer ungeheuren und in ihren Formen manchmal beängstigenden missionarischen Dynamik sich ausbreitet, stehen die klassischen Konfessionskirchen oft ratlos da. Es ist ein Christentum mit geringer institutioneller Dichte, mit wenig rationalem und mit noch weniger dogmatischem Gepäck, auch mit geringer Stabilität. Dieses weltweite Phänomen – von dem ich von Bischöfen aus aller Welt immer wieder höre – stellt uns alle vor die Frage: Was hat diese neue Form von Christentum uns zu sagen, positiv und negativ?

Auf jeden Fall stellt es uns neu vor die Frage, was das bleibend Gültige ist und was anders werden kann oder muß – vor die Frage unserer gläubigen Grundentscheidung.

Tiefgehender und in unserem Land brennender ist die zweite Herausforderung an die ganze Christenheit, von der ich sprechen möchte: der Kontext der säkularisierten Welt, in dem wir heute als Christen unseren Glauben leben und bezeugen müssen. Die Abwesenheit Gottes in unserer Gesellschaft wird drückender, die Geschichte seiner Offenbarung, von der uns die Schrift erzählt, scheint in einer immer weiter sich entfernenden Vergangenheit angesiedelt. Muß man dem Säkularisierungsdruck nachgeben, modern werden durch Verdünnung des Glaubens? Natürlich muß der Glaube heute neu gedacht und vor allem neu gelebt werden, damit er Gegenwart wird. Aber nicht Verdünnung des Glaubens hilft, sondern nur ihn ganz zu leben in unserem Heute. Dies ist eine zentrale ökumenische Aufgabe, in der wir uns gegenseitig helfen müssen: tiefer und lebendiger zu glauben.

Nicht Taktiken retten uns, retten das Christentum, sondern neu gedachter und neu gelebter Glaube, durch den Christus und mit ihm der lebendige Gott in diese unsere Welt hereintritt. Wie uns die Märtyrer der Nazizeit zueinander geführt und die große erste ökumenische Öffnung bewirkt haben, so ist auch heute der in einer säkularisierten Welt von innen gelebte Glaube die stärkste ökumenische Kraft, die uns zueinander führt, der Einheit in dem einen Herrn entgegen. Und darum bitten wir Ihn, daß wir neu den Glauben zu leben lernen und daß wir so dann eins werden.

Papst Benedikt XVI.

Präses Nikolaus Schneider

Ansprache im Kapitelsaal des Evangelischen Augustinerklosters
zu Erfurt

Von Herzen freue ich mich darüber, dass Sie, Eure Heiligkeit, lieber Bruder in Christus,  unsere Einladung nach Erfurt angenommen haben. Sehr gerne begrüße ich Sie und Ihre Delegation sowie die Geschwister aus den reformatorischen Kirchen heute in dem Raum, in dem Martin Luther in den Orden der Augustiner-Eremiten aufgenommen wurde. Das Augustinerkloster in Erfurt prägt unsere Begegnung.

Christinnen und Christen unserer beiden Kirchen leben in dieser Stadt in der Diaspora. Ihr Zusammenleben und ihr gemeinsames Zeugnis werden von dem Wissen und der Erfahrung gestärkt, dass uns viel mehr verbindet als trennt. Zu den gemeinsamen Gaben gehört unser Verständnis der Heiligen Schrift als ‚Wort des lebendigen Gottes’. Sie leitet unsere Kirchen dazu an, Gott als den Schöpfer und Herrn der Welt ‚zu fürchten und zu lieben’ und ein dem Leben zuträgliches Maß menschlicher Lebensentfaltung zu finden.

In der Heiligen Schrift ermutigt uns im Epheserbrief die Bitte, „… dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.“ Damit auch die daraus folgende Verheißung wahr wird: „So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.“ (Eph. 3,17f)

Im Vertrauen auf dieses Gebet beschreiten wir unseren ökumenischen Weg. Daraus gewinnt das Ringen um ökumenische Gemeinschaft Zuversicht und unser Christuszeugnis seine überzeugende Kraft. Denn gerade in der Diaspora stärkt ökumenische Gemeinschaft uns in unserem Auftrag, ’Botschafter und Botschafterinnen an Christi statt zu sein’; weil wir gemeinsam einladen: „Lasst euch versöhnen mit Gott“ (2.  Kor. 5, 20).

Das Vertrauen auf das Wirken dieser Fürbitte hält die Hoffnung lebendig, unseren „Eigen-Sinn“ überwinden zu können und getrennt gewachsene Traditionen als gemeinsame Gaben zu verstehen. Danach sehnen sich viele Menschen in allen Regionen Deutschlands – vor allem die Gläubigen, die in konfessionsverbindenden Ehen und Familien leben. Für uns alle wäre es ein Segen, ihnen in absehbarer Zeit eine von Einschränkungen freiere eucharistische Gemeinschaft zu ermöglichen.

Der Geist Gottes hat uns dahin geleitet und der nüchterne Blick auf unsere Geschichte hat uns dahin geführt, dass wir die Feindschaft gegeneinander überwunden haben. Unseren Glauben leben wir in vielerlei Gestalt schon jetzt  gemeinsam. Das ist ein großer Fortschritt! In getrennten Kirchen sind wir freundschaftlich verschieden – dafür sind wir dankbar.

Aber damit können wir nicht zufrieden sein  – nicht im Blick auf Christi Gebet um die‚ Einheit in seiner Nachfolge, damit die Welt glaube’ (vgl. Joh. 17,21) und auch nicht im Blick auf die großen gemeinsamen Herausforderungen angesichts von Gott-Vergessenheit, Orientierungslosigkeit und Verunsicherung. Deswegen ist es an der Zeit für eine „Ökumene der Gaben“, in der unsere Charismen sich ergänzen und einander erhellen.

Über unsere Erkenntnisfähigkeit sagt der Apostel Paulus: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild;“ (1. Kor. 13,12). Es entspricht dem Realismus dieser Aussage, dass wir einander ergänzen müssen, um das Bild aufzuhellen. Sie, lieber Bruder in Christus, haben wesentlich Anteil daran, dass dies in der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre gelungen ist. Auch der „Ökumenische Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen“ trägt dazu bei, dass unsere Stimmen in versöhnter Verschiedenheit zusammenklingen und nun praktische Früchte tragen können.

Im Zusammenklang unserer je besonderen Gaben mag es gelingen, so von Gott zu reden, dass Menschen in ihm eine Adresse für ihre Sehnsüchte, Fragen und Ratlosigkeiten wie auch für ihre vermeintlichen Sicherheiten wahrnehmen.

Wir erkennen das Sakrament der Taufe wechselseitig an. Menschen in die Kirche als dem Leib Christi einzugliedern, trauen wir einander zu und vertrauen wir einander an. Darauf können wir bauen und weitere konkrete Schritte zu mehr Gemeinsamkeit wagen. 

Die Kirchen der Reformation verstehen sich als „Kirche der Freiheit“. Damit meinen wir eine Freiheit, die sich im „Ja“ zu Jesus Christus gründet  – nicht eine unverbindliche Beliebigkeit. Denn wir haben von den Reformatoren und im Grunde vom Kirchenvater Augustinus gelernt, dass nur die Freiheit, die im Zusammenspiel von Freiheit und Bindung begriffen wird, wahre Freiheit ist. Diese augustinisch gegründete Theologie der Reformation ist unsere besondere Gabe in einer weltweiten Christenheit.

Wenn Ihre Diagnose zutrifft, dass von der spätmittelalterlichen Theologie des vereinzelten, tief über Gott und Welt verunsicherten Menschen Linien in die Moderne führen, dann gilt doch auch, dass das theologische Konzept Luthers und der Reformatoren, sich von Gott Gewissheit angesichts aller solcher Verunsicherung schenken zu lassen, so aktuell ist wie nie. Das gilt für die evangelischen Kirchen. Aber gilt das nicht auch für unsere römisch-katholische Schwesterkirche und für die ganze anders- und nichtglaubende, aber ebenfalls zutiefst verunsicherte Welt – gerade in dieser äußerst krisenhaften Zeit?

Lieber Bruder in Christus, die Steine können es bezeugen: Martin Luther wurde an diesem Ort Augustiner-Eremit. Im Dom wurde er zum Priester geweiht, in der Klosterkirche las er seine Primiz, die erste Messe.
 
Verbindet ihn nicht Wesentliches mit der römisch-katholischen Kirche, das auch bleibt? Ist der Erfurter Augustinermönch Martin Luther nicht auch als ein Scharnier zwischen unseren Kirchen zu verstehen, weil er zu beiden Kirchen gehört?

Die Reformatoren haben die Reformation als Umkehr der Kirche zu Christus verstanden. Reformation als Umkehr zu Christus ist uns Christenmenschen, allen kirchlichen Amtsträgern und Amtsträgerinnen und doch auch den Institutionen täglich aufgetragen!

Ich werbe dafür, von 2000 Jahren gemeinsamer Kirchengeschichte zu sprechen, und nicht allein von 1500 Jahren. Auch nach 1517 blieben wir als „Westliche Kirchen“ in besonderer Weise aufeinander bezogen – im Guten und im Bösen, in heilsamem Wirken miteinander aber auch in tödlicher Feindschaft gegeneinander.

Es ist meines Erachtens an der Zeit, im Blick auf das bevorstehende Reformationsjubiläum 2017 die Erinnerungen an die gegenseitigen Verletzungen in der Reformationszeit und der ihr folgenden Geschichte unserer Kirchen zu heilen und konkrete Wege der Aussöhnung zu gehen. Dazu möchte ich Sie gerne einladen.

Der Geist triumphalistischer Großspurigkeit wird das Reformationsjubiläum nicht prägen. Vielmehr laden wir alle Christenmenschen ein, sich gemeinsam mit uns darüber zu freuen, dass Gott der ganzen Kirche eine starke Theologie der Gewissheit in Zeiten höchster Verunsicherung geschenkt und für die ganze Christenheit in den letzten fünfhundert Jahren lebendig gehalten hat.

Daher möchte ich Sie, lieber Bruder in Christus, bitten, den 31. Oktober 2017 als ein Fest des Christusbekenntnisses zu verstehen und mit den Kirchen der Reformation zu feiern, so dass wir alle in ökumenischer Verbundenheit Christus bezeugen, „damit die Welt glaube“.

Ich freue mich auf den Gottesdienst, den wir gleich gemeinsam feiern werden. Gott segne Sie und unsere ökumenische Gemeinschaft.

Präses Nikolaus Schneider,
Vorsitzender des Rates der EKD

Katrin Göring-Eckardt

Begrüßung und Geistliches Wort im Rahmen des
Ökumenischen Wortgottesdienstes in der Augustinerkirche

Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts,
ja mit meinem Geist suche ich dich am Morgen.
(Jesaja 26,9)


Mit diesem Jesajawort, das die Herrnhuter Brüdergemeine für diesen Tag gelost hat 1, grüße ich Sie, grüße ich Euch, liebe Schwestern und Brüder, zu unserem Gottesdienst. Ich grüße von Herzen unseren Bruder in Christus, Papst Benedikt XVI. Wir sind dankbar, dass Sie mit uns beten, singen und auf Gottes Wort hören wollen und predigen. Ich grüße unseren Bruder Nikolaus Schneider, den Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland; Sie beide leiten diesen Gottesdienst gemeinsam!

Sehr froh bin ich, dass Sie, Herr Bundespräsident, unter uns sind. Sie leben die Verbundenheit der Konfessionen in der Familie mit allen Freuden und Beschwernissen. Gute Besserung an Ihre Frau, ich weiß, Sie hätte gerne mit uns Gottesdienst gefeiert.

Wie schön, dass wir als evangelische und römisch-katholische Christinnen und Christen diesen Gottesdienst feiern. Ein herzliches Willkommen den Schülerinnen und Schülern der katholischen Edith-Stein-Schule und des evangelischen Ratsgymnasiums hier aus Erfurt. Sie bringen die Zukunft unserer Kirchen in unsere Runde. Ich hoffe, ihr singt laut mit!

Mit uns beten und singen Christenmenschen hier im Augustinerkloster, draußen in der Stadt und zu Hause an den Fernsehgeräten. Wir alle sind Gemeinde Gottes.

"Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts,
ja mit meinem Geist suche ich dich am Morgen."

Unser ökumenischer Gottesdienst hier ist ein großes und sehr öffentliches Ereignis. Er ist aber trotz der Scheinwerfer keine Show. Er dient nämlich etwas Anderem, etwas viel Größerem. Obgleich uns manches trennt, das Wichtigste verbindet uns: die Sehnsucht nach Gott. Denn unsere Heimat ist der Himmel. Es ist Gottes Licht, das in der Niedrigkeit scheint, im Stall von Bethlehem, das Licht, das von Kreuz und Auferstehung ausgeht.

So will ich auch die Neugierigen begrüßen, die, die uns zuschauen, vielleicht sogar mit Skepsis; die, die wenig von Gott erhoffen, die ihn kaum noch kennen und gar nicht glauben können. Seien Sie versichert, auch christliche Hoffnung ist nicht immer groß und unsere Fragen sind mitunter drängender, als der Glaube fest ist. Aber hören Sie vor allem, dass Sie willkommen sind. Fröhliche Christenmenschen nämlich wollen gar nicht unter sich bleiben.

"Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts,
ja mit meinem Geist suche ich dich am Morgen."


Nachts, wenn die Schatten länger werden, sehnen wir uns – in tobender Unruhe, in der Verwirrtheit, in der Ungewissheit – nach Gott. Und es ist Nacht in der Welt: Menschen werden heimatlos: heimatlos auf der Flucht vor Hunger, vor Krieg, vor Umweltzerstörung; heimatlos auch durch Gewalt an Körper und Seele, heimatlos in Enge und in Verzweiflung. Morgens, wenn der Tag noch voller Möglichkeiten ist, suchen wir Gott an den Kreuzwegen und Weggabelungen, wenn wir entscheiden müssen, was richtig ist und gut und dauerhaft. Wie wir leben – ohne Zerstörung, wen wir lieben – ohne Verletzung; was wir tun – ohne Anmaßung. Immer wieder wollen und sollen wir wählen. Und doch wollen wir vor allem eines: Heimat finden, angenommen sein und den Ort kennen, an dem wir bleiben können.

Beheimatet in Gottes Trost, geborgen in seiner Liebe, werden Menschen frei und unverzagt. Oder wie Sie, lieber Bruder Papst Benedikt, es formuliert haben: „ER will, dass zwischen ihm und uns das Geheimnis der Liebe entstehe, das Freiheit voraussetzt.“ 2

Der Mönch Martin Luther ist hier in diesen Mauern der Augustinerkirche zu Erfurt eingekehrt bei Gott und hat diese Liebe gesucht. Und er ist aufgebrochen, hinter sich zu lassen: Macht ohne Liebe, Glaube ohne Freiheit, Angst ohne Ausweg. Aufgebrochen, hin zu einer Freiheit, die in Gott ihre Wurzeln und in der Welt ihren Ort findet, immer wieder, durch die Jahrhunderte hindurch, bis in die jüngere Geschichte, bis heute.

Luthers Satz: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“ 3 war auch für Christinnen und Christen in der DDR ein kämpferisches, ein stärkendes Wort. Ja, wir konnten getrost wissen, dass Gott größer ist, größer als die kleinbürgerliche SED sowieso, größer als die martialische Stasi aber eben auch. Und gewiss größer als das ganze heuchlerische, unterdrückerische System, das die Menschen klein und den Glauben unsichtbar machen wollte. Aus dieser Geschichte haben wir erneut gelernt: Wenn man Mauern zu lange bewacht, Mauern aus Stein und Mauern aus Schweigen, dann brechen sie von innen auf: weil die Menschen von der Freiheit wissen.

"Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts,
ja mit meinem Geist suche ich dich am Morgen."


Viele Menschen suchen nach Gott mit ihrem Geist, morgens und abends, allein oder gemeinsam; und Gott sieht alle, uns alle an, mit der gleichen und nur ihm eigenen großen Liebe: ob wir nun alt sind oder jung, Mann oder Frau, so oder anders gläubig, heiter oder bedrückt, egal, wen wir lieben und mit wem wir das Leben teilen. Denn „in meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“, heißt es im Johannesevangelium (14, 2), und dieses Haus, in dem wir wohnen, in das wir kommen können, egal wie wir heißen oder sind, hat auch immer noch Zimmer frei für die, die suchen und bei uns Heimat finden.

Wir haben ein Fundament: das Wort Gottes, und wir haben einen gemeinsamen Grund, die Heilige Taufe. Und, ja, zum richtigen Zeitpunkt werden wir am hellsten und besten Ort des Hauses gemeinsam und füreinander den Tisch decken, an den ER uns einlädt, von dem wir gemeinsam essen und trinken, was Jesus an seinem letzten Abend teilte. Nicht, weil wir es müssen, sondern weil wir es können und weil wir es wollen.

Ich bin Ihnen, lieber Bruder Papst Benedikt, dankbar, dass Sie Station machen hier mit uns, auf dem Weg, den Gott uns schenkt, denn auch die Ökumene ist zuallererst Gottes Geschenk an uns.

„Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts und mit meinem Geist suche ich dich am Morgen“, heißt es bei Jesaja.

Dieser Freitagmittag in Erfurt ist kein gewöhnlicher. Wer jetzt auf uns schaut, soll das spüren. Nein, wir sind nicht besser, größer, reicher als andere, noch nicht einmal alle zusammen. Und ja, wir machen Fehler und denken kurzfristig und egoistisch. Dietrich Bonhoeffer hat aber richtig erkannt: „Ich glaube, daß auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.“ 4

Wer auf uns schaut, soll spüren, dass wir in allem wissen von Gottes Liebe, die uns nicht drängt, sondern trägt, die sich manchmal verbirgt und dann wieder leuchtet mit aller Kraft. Dass wir diese Liebe kennen, in ihr leben, bei ihr bleiben, dass wir in ihr Heimat finden können und leben im Hause des Vaters, gemeinsam als die eine Gemeinde Jesu Christi, das ist es, was die Suche unseres Geistes ausfüllt und das Verlangen unserer Herzen zur Erfüllung bringt.

Gott segne unser Hören und Reden, unser Singen und Sagen, unser Aufbrechen und Ankommen. Lasst uns aufstehen, vor Gott treten und beten.

Katrin Göring-Eckardt,
Präses der Synode der EKD

Papst Benedikt XVI.

Predigt im Rahmen des Ökumenischen Wortgottesdienstes
in der Augustinerkirche

Liebe Schwestern und Brüder!

„Nicht nur für diese hier bitte ich, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben“ (Joh 17,20) – so hat Jesus im Abendmahlssaal zum Vater gesagt. Er bittet für die künftigen Generationen von Glaubenden. Er blickt über den Abendmahlssaal hinaus in die Zukunft hinein. Er hat gebetet auch für uns. Und er bittet um unsere Einheit. Dieses Gebet Jesu ist nicht einfach Vergangenheit. Immer steht er fürbittend für uns vor dem Vater, und so steht er in dieser Stunde mitten unter uns und will uns in sein Gebet hineinziehen. Im Gebet Jesu ist der innere Ort unserer Einheit. Wir werden dann eins sein, wenn wir uns in dieses Gebet hineinziehen lassen. Sooft wir uns als Christen im Gebet zusammenfinden, sollte uns dieses Ringen Jesu um uns und mit dem Vater für uns ins Herz treffen. Je mehr wir uns in dieses Geschehen hineinziehen lassen, desto mehr verwirklicht sich Einheit.

Ist das Gebet Jesu unerhört geblieben? Die Geschichte der Christenheit ist sozusagen die sichtbare Seite dieses Dramas, in dem Christus mit uns Menschen ringt und leidet. Immer wieder muß er den Widerspruch zur Einheit erdulden, und doch auch immer wieder vollzieht sich Einheit mit ihm und so mit dem dreieinigen Gott. Wir müssen beides sehen: Die Sünde des Menschen, der sich Gott versagt und sich in sein Eigenes zurückzieht, aber auch die Siege Gottes, der die Kirche erhält durch ihre Schwachheit hindurch und immer neu Menschen in sich hineinzieht und so zueinander führt.

Deshalb sollten wir bei einer ökumenischen Begegnung nicht nur die Trennungen und Spaltungen beklagen, sondern Gott für alles danken, was er uns an Einheit erhalten hat und immer neu schenkt. Und diese Dankbarkeit muß zugleich Bereitschaft sein, die so geschenkte Einheit nicht zu verlieren mitten in einer Zeit der Anfechtung und der Gefahren.

Die grundlegende Einheit besteht darin, daß wir an Gott, den Allmächtigen, den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde glauben. Daß wir ihn als den Dreifaltigen bekennen  – Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die höchste Einheit ist nicht monadische Einsamkeit, sondern Einheit durch Liebe. Wir glauben an Gott – den konkreten Gott. Wir glauben daran, daß Gott zu uns gesprochen hat und einer von uns geworden ist. Diesen lebendigen Gott zu bezeugen ist unsere gemeinsame Aufgabe in der gegenwärtigen Stunde.

Braucht der Mensch Gott, oder geht es auch ohne ihn ganz gut? Wenn in einer ersten Phase der Abwesenheit Gottes sein Licht noch nachleuchtet und die Ordnungen des menschlichen Daseins zusammenhält, so scheint es, daß es auch ohne Gott ganz gut geht. Aber je weiter die Welt sich von Gott entfernt, desto klarer wird, daß der Mensch in der Hybris der Macht, in der Leere des Herzens und im Verlangen nach Erfüllung und Glück immer mehr das Leben verliert. Der Durst nach dem Unendlichen ist im Menschen unausrottbar da. Der Mensch ist auf Gott hin erschaffen und braucht ihn.

Unser erster ökumenischer Dienst in dieser Zeit muß es sein, gemeinsam die Gegenwart des lebendigen Gottes zu bezeugen und damit der Welt die Antwort zu geben, die sie braucht. Zu diesem Grundzeugnis für Gott gehört natürlich ganz zentral das Zeugnis für Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott, der mit uns gelebt hat, für uns gelitten hat und für uns gestorben ist und in der Auferstehung die Tür des Todes aufgerissen hat. Liebe Freunde, stärken wir uns in diesem Glauben! Helfen wir uns, ihn zu leben. Dies ist eine große ökumenische Aufgabe, die uns mitten ins Gebet Jesu hineinführt.

Die Ernsthaftigkeit des Glaubens an Gott zeigt sich im Leben seines Wortes. Sie zeigt sich in unserer Zeit ganz praktisch im Eintreten für das Geschöpf, das er als sein Ebenbild wollte – für den Menschen. Wir leben in einer Zeit, in der die Maßstäbe des Menschseins fraglich geworden sind. Ethik wird durch das Kalkül der Folgen ersetzt. Demgegenüber müssen wir als Christen die unantastbare Würde des Menschen verteidigen, von der Empfängnis bis zum Tod – in den Fragen der Pränatalen Implantationsdiagnostik bis zur Sterbehilfe. „Nur wer Gott kennt, kennt den Menschen“, hat Romano Guardini einmal gesagt. Ohne Erkenntnis Gottes wird der Mensch manipulierbar. Der Glaube an Gott muß sich in unserem gemeinsamen Eintreten für den Menschen konkretisieren.
Zum Eintreten für den Menschen gehören nicht nur diese grundlegenden Maßstäbe der Menschlichkeit, sondern vor allem und ganz praktisch die Liebe, wie sie uns Jesus Christus im Gleichnis vom Weltgericht lehrt (Mt 25): Der richtende Gott wird uns danach beurteilen, wie wir den Nächsten, wie wir den Geringsten seiner Brüder begegnet sind. Die Bereitschaft, in den Nöten dieser Zeit über den eigenen Lebensrahmen hinaus zu helfen, ist eine wesentliche Aufgabe des Christen.

Dies gilt, wie gesagt, zunächst im persönlichen Lebensbereich jedes einzelnen. Aber es gilt dann in der Gemeinschaft eines Volkes und eines Staates, in der wir alle füreinander einstehen müssen. Es gilt für unseren Kontinent, in dem wir zur europäischen Solidarität gerufen sind. Und es gilt endlich über alle Grenzen hinweg: Die christliche Nächstenliebe verlangt heute auch unseren Einsatz für die Gerechtigkeit in der weiten Welt. Ich weiß, daß von den Deutschen und von Deutschland viel getan wird, damit allen Menschen ein menschenwürdiges Dasein ermöglicht wird, und möchte dafür ein Wort herzlichen Dankes sagen.

Schließlich möchte ich noch eine tiefere Dimension unserer Verpflichtung zur Liebe ansprechen. Die Ernsthaftigkeit des Glaubens zeigt sich vor allem auch dadurch, daß er Menschen inspiriert, sich ganz für Gott und von Gott her für die anderen zur Verfügung zu stellen. Die großen Hilfen werden nur konkret, wenn es vor Ort diejenigen gibt, die ganz für den anderen da sind und damit die Liebe Gottes glaubhaft werden lassen. Solche Menschen sind ein wichtiges Zeichen für die Wahrheit unseres Glaubens.

Im Vorfeld meines Besuches war verschiedentlich von einem ökumenischen Gastgeschenk die Rede, das man sich von einem solchen Besuch erwarte. Die Gaben, die dabei genannt wurden, brauche ich nicht einzeln anzuführen. Dazu möchte ich sagen, daß dies so, wie es meistens erschien, ein politisches Mißverständnis des Glaubens und der Ökumene darstellt. Wenn ein Staatsoberhaupt ein befreundetes Land besucht, gehen im allgemeinen Kontakte zwischen den Instanzen voraus, die den Abschluß eines oder auch mehrerer Verträge zwischen den beiden Staaten vorbereiten: In der Abwägung von Vor- und Nachteilen entsteht der Kompromiß, der schließlich für beide Seiten vorteilhaft erscheint, so daß dann das Vertragswerk unterschrieben werden kann.

Aber der Glaube der Christen beruht nicht auf einer Abwägung unserer Vor- und Nachteile. Ein selbstgemachter Glaube ist wertlos. Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken und aushandeln. Er ist die Grundlage, auf der wir leben. Nicht durch Abwägung von Vor- und Nachteilen, sondern nur durch tieferes Hineindenken und Hineinleben in den Glauben wächst Einheit. Auf solche Weise ist in den letzten 50 Jahren, besonders auch seit dem Besuch von Papst Johannes Paul II. vor 30 Jahren, viel Gemeinsamkeit gewachsen, für die wir nur dankbar sein können. Ich denke gern an die Begegnung mit der von Bischof Lohse geführten Kommission zurück, in der ein solches gemeinsames Hineindenken und Hineinleben in den Glauben geübt wurde. Allen, die daran mitgewirkt haben, von katholischer Seite besonders Kardinal Lehmann, möchte ich herzlichen Dank aussprechen. Ich versage mir, weitere Namen zu nennen – der Herr kennt sie alle. Miteinander können wir alle nur dem Herrn danken für die Wege der Einheit, die er uns geführt hat, und in demütigem Vertrauen einstimmen in sein Gebet: Laß uns eins werden, wie du mit dem Vater eins bist, damit die Welt glaube, daß er dich gesandt hat (vgl. Joh 17,21).

Papst Benedikt XVI.