
Wir erinnerten mit einer Gedenkandacht an die 267 Menschen, die am 25. Februar 1945 bei einem Bombenangriff auf das Augustinerkloster starben.
Im Keller der ehemaligen Klosterbibliothek, in dem sie ums Leben kamen, wurde der „Ort der Stille“ eingerichtet, an dem wir an diesem Gedenktag miteinander um Frieden und Versöhnung beten.
Die Andacht können Sie hier (PDF) ansehen.
Liebe Gemeinde,
genau zu dieser Zeit, gegen 18.00 Uhr, am 25. Februar 1945, also vor 67 Jahren, fielen die tödlichen Bomben auf dieses Gebäude. In diesem Raum, in diesem Keller, haben sich 267 Menschen zusammengefunden, die Schutz vor genau diesem Bombenangriff gesucht haben. Die Mauern waren dick und stark, das Gebäude war solide gebaut. Also eigentlich der ideale Schutzraum.
Dennoch war die Wucht der Bombe zu unvorstellbar, dass dieses Gebäude schwer getroffen wurde. Die Menschen starben einen qualvollen Tod.
Vor drei Jahren hatte ich die Freude, den Menschen kennenzulernen, der als erster Mensch nach dem Bombenabwurf das unfassbare, das Furchtbare sah, was sich in diesem Raum abgespielt hatte. Hans Meyer, damals 17 Jahre und Offiziersanwärter. Seine Kompanie war die erste Truppe, die an den Ort geschickt wurde. Hans Meyer war klein und schmächtig. Er schaffte es, durch einen schmalen Spalt in diesen Raum abgeseilt zu werden. Eindrücklich hat er das Erlebte geschildert. Ich denke in dieser Stunde auch an Frau Hess – ihre Mutter und Schwestern sind vor 67 Jahren in diesem Raum umgekommen. Ich denke an Herrn Frenzel – dessen Mutter und Schwestern in diesem Raum ums Leben gekommen sind. Ich denke an das Ehepaar Mundle – er war Pfarrer hier an unserer Augustinerkirche – beide starben durch diesen unsäglichen Bombenabwurf. Ich denke an all die anderen Menschen, deren Namen wir hier auf diesen Tafeln lesen können, die bei diesem unsäglichen Bombenabwurf ums Leben gekommen sind. Ich denke aber auch an die Piloten, die die tödliche Fracht abgeworfen haben. Wie ging es ihnen, als sie hörten, was geschehen war? Ich denke an die vielen Millionen Toten, die während des 2. Weltkrieges ums Leben gekommen sind. Sie starben, weil es fanatische und machtbesessene Männer waren, die dies alles angeordnet und verbrochen haben. Die diesen sinnlosen und barbarischen Krieg vom Zaun gebrochen haben. Sie sind verantwortlich für unsägliches Leid. Sie sind verantwortlich, für die vielen Millionen Väter, Mütter, Kinder – die ums Leben gekommen sind. Ich denke auch an die Millionen jüdischen Schwestern und Brüder, die unsägliches Leid in den NAZI-KZs ertragen mussten.
Trotz all diesem unsäglichen Leid, haben wir uns mit den Völkern versöhnt. Versöhnt mit Israel, versöhnt mit England, versöhnt mit Frankreich, versöhnt mit Amerika, versöhnt mit Russland, versöhnt mit Holland, Belgien, versöhnt mit Polen, Tschechien, Slowakei. Versöhnt mit den Völkern Europas.
Versöhnung – das ist auch die wichtige Grundregel und der Grundgedanke der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft. Versöhnung statt Hass – das ist die Botschaft aus Coventry in England, das ist die Botschaft unserer Nagelkreuzgemeinschaft.
Liebe Gemeinde, seit dem 25. Februar 2008 ist das Augustinerkloster Mitglied dieser international wirkenden Nagelkreuzgemeinschaft. Sei nunmehr 4 Jahren bin ich aktiv in dieser Gemeinschaft und seit Oktober Mitglied des Leitungsteams. Wir wollen diesen Versöhnungsgedanken weiter in die Welt tragen. Wir wollen das Geschehene nicht vergessen, wir wollen die Vergangenheit aufarbeiten. Wir wollen aber auch in die Zukunft schauen. Wir wollen, dass die Welt besser wird. Dass die Politiker endlich begreifen, dass die Völker dieser Erde in Frieden, Freundschaft und in Geschwisterlichkeit miteinander und für einander leben wollen. Wir wollen unaufhörlich allen Menschen dieser Welt zurufen, passt auf! Passt auf und seid wachsam, was um euch herum geschieht.
Wir, die wir hier versammelt sind, sind Christen. Wir Christen haben eine Verantwortung. Eine Verantwortung, den Menschen gegenüber. Nehmen wir diese Verantwortung wahr. Hier, im Augustinerkloster, haben wir eine große Möglichkeit, den Friedensgedanken und den Versöhnungsgedanken zu leben. Wir haben uns dem Motto der Nagelkreuzgemeinschaft verschrieben: Versöhnung leben – Hilfe zur Gestaltung.
Unsere Gemeinschaft hat sich Lebensregeln gegeben:
Wir wollen dazu beitragen, dass die Fremdheit zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen abgebaut wird.
Hier, liebe Gemeinde, an diesem Ort, können wir das Für- und Miteinander verfestigen. Hier können wir den Versöhnungsgedanken nachgehen. Versöhnung ist für mich ein wichtiger Bestandteil unseres gemeinsamen Lebens, unserer Gesellschaft. Versöhnung und Vergeben. Dies alles erlangen wir durch unsere Gebete, durch unseren Glauben, durch unsere Hoffnung, durch unser Vertrauen zu und in unseren Gott und Vater.
Im 2. Brief des Apostel Paulus an die Korinther lesen wir im 5. Kapitel: Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünde nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott“.
Amen
Lothar Schmelz, Kurator des Evangelischen Augustinerklosters zu Erfurt
25. Februar 2012
Im "Ort der Stille" sehen Sie ein besonderes Kreuz: Das Nagelkreuz aus Conventry. Am 25. Februar 2008 überreichte der Canon der Kathedrale von Coventry, Adrian Daffern, und der Vorsitzende der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e.V., Pfarrer i.R. Hartmut Ebmeier, dem Kurator des Augustinerklosters das Nagelkreuz. Anlass war die Grundsteinlegung für den Wiederaufbau der am 25. Februar 1945 durch Bomben zerstörten Klosterbibliothek.
In dem offiziellen Flyer der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. lesen wir: „Nach der Zerstörung der Kathedrale von Conventry am 14./15. November 1940 durch deutsche Bombenangriffe ließ der damalige Dompropst Richard Howard die Worte „FATHER FORGIVE“ in die Chorwand der Ruine einmeißeln. Diese Worte bestimmen das Versöhnungsgebet von Conventry, das die Aufgabe der weltweiten Christenheit umschreibt“.
Die Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V. hat sich 1991 als ökumenische Gemeinschaft aus den schon bestehenden Nagelkreuzzentren und aus Einzelmitgliedern der Conventry Community of the Cross of Nails zusammengefunden.
In Deutschland gibt es zur Zeit rund 55 Nagelkreuzzentren. Das Augustinerkloster ist das erste Nagelkreuzzentrum in Thüringen. Jeden Freitag um 12.00 Uhr wird, wie in allen Nagelkreuzzentren, am Ort der Stille die Versöhnungslitanei von Coventry, gebetet.
Weitere Informationen erhalten Sie unter www.nagelkreuzgemeinschaft.de
Drei Nägel unter den Trümmern der Kathedrale von Coventry, England, die deutsche Bomben am 14. November 1940 zerstörten. Einer fand sie und fügte mit ihnen das Kreuz, DAS NAGELKREUZ; das zum Zeichen wurde für Versöhnung und Frieden Ein anderer schrieb an die rauchschwarze Wand: „father forgive“ – Vater vergib! Daraus wuchs das Gebet, das FRIEDENSGEBET VON CONVENTRY; immer wieder neu übersetzt, gebetet in Coventry und an vielen Orten der Welt freitags um die Mittagszeit.
WIR ALLE HABEN GESÜNDIGT
UND ERMANGELN DES RUHMES,
DEN SIE BEI GOTT HABEN SOLLTEN.
Darum beten wir
VATER VERGIB
Den Hass, der Rasse von Rasse trennt,
Volk von Volk, Klasse von Klasse,
VATER VERGIB
Das Streben der Menschen und Völker
zu besitzen, was nicht ihr Eigen ist
VATER VERGIB
Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen
ausnutzt und die Erde verwüstet
VATER VERGIB
Unseren Neid auf das
Wohlergehen und Glück der Anderen
VATER VERGIB
Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der
Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlingen
VATER VERGIB
Die Entwürdigung von Frauen, Männern
und Kindern durch sexuellen Missbrauch
VATER VERGIB
Den Hochmut, der uns verleitet, auf
uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott
VATER VERGIB
SEID UNTEREINANDER FREUNDLICH, HERZLICH
UND VERGEBET EINER DEM ANDEREN,
WIE GOTT EUCH VERGEBEN HAT
IN JESUS CHRISTUS. (Eph. 4,32)