Augustinerkloster

1266 ließen sich Augustinereremiten in der schon damals blühenden und bevölkerungsreichen Metropole Thüringens nieder. Nach einigen Unstimmigkeiten mit den damaligen Räten kehrten sie 1276 nach kurzer Vertreibung wieder zurück.

Da sich die ihnen zugeteilte Pfarrkirche St. Phillipi und Jacobi in einem schlechten baulichen Zustand befand, begannen sie 1277 mit dem Umbau bzw. Neubau der Kirche. Bis zum Jahre 1518 wurden dann Katharinenkapelle, Kapitelsaal, Kreuzgang, Langhaus, Kirchturm, Priorat, Bibliothek und Waidhäuser errichtet.

Bereits zu Beginn des 14. Jahrhunderts bestand eine bedeutende und wertvolle Klosterbibliothek, die durch Stiftungen und Abschriften rasch anwuchs. Anlässlich einer umfangreichen Bücherstiftung Anfang des 16. Jahrhunderts erfolgte der Bau eines separaten Bibliotheksgebäudes, in welches die Sammlung 1516 einziehen konnte.

In der Zeit von 1505 bis 1511 lebte auch Martin Luther hier als Mönch und las am 2. Mai 1507 in der Augustinerkirche seine erste Messe. Nach eigenen Äußerungen erlebte er hier im Erfurter Augustinerkloster seine prägendsten Lebensjahre. Heute sind in der Dauerausstellung „BIBEL-KLOSTER-LUTHER” wertvolle Dokumente zu besichtigen.

Im Jahre 1522 übernahm Johannes Lang, ein sehr guter Freund Martin Luthers, nach seiner Rückkehr aus Wittenberg das Amt des Priors im Augustinerkloster und ebnete den Lehren Luthers in Erfurt und Umgebung den Weg. 1522 trat er mit vielen anderen Mönchen aus dem Konvent aus. Die Augustinerkirche wurde drei Jahre später der Johannesgemeinde übergeben und 1556 starb der letzte Mönch. 1559 wurde das Augustinerkloster säkularisiert.

Um das Kloster vor dem Zerfall oder Abriss zu bewahren, wurde ab 1561 der Westflügel und das Priorat als Evangelisches Ratsgymnasium genutzt. Das ehemalige Dormitorium (Schlafsaal der Mönche) nutzten die Schüler zeitweilig als Wohnbereich. Das Gymnasium war eine Bildungseinrichtung mit reformatorischem Geist, welche die zukünftigen Pfarrer, Schulmeister und Beamten bilden sollte. Aufgrund sinkender Schülerzahlen musste die Schule aber 1820 wieder geschlossen werden.

1646 zog die Bibliothek des Evangelischen Ministeriums in das alte Klostergebäude ein, da die ehemalige Klosterbibliothek nach der Reformation größtenteils zerstört worden war. Durch Spenden, aber auch Zuwendungen des Stadtrates und des Kurfürsten war es möglich, dass der stark verfallene Ostflügel des Klosters, das Laubenganghaus und Gästehaus neu- bzw. umgebaut werden konnten, um diese ab 1669 als Räumlichkeiten für das neugegründete Evangelische Waisenhaus zu nutzen.

1821 wurde das Neue Priorat wegen Baufälligkeit abgerissen. Westflügel, Altes Priorat, Zwischenbau, Bibliothek und Waidhäuser wurden fortan vom Marienstift genutzt, welches die Erziehung sittlich verwahrloster Kinder zur Aufgabe hatte. Da sich die Gebäude der Klosteranlage in keinem guten Zustand befanden, gelang es mit Hilfe des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. den Westflügel und das Priorat zwischen 1840 und 1846 nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel umbauen und erneuern zu lassen. Hierbei entstand auch der Verbindungsgang zwischen Westflügel und Bibliothek.

Da seit der Renovierung und barocken Ausstattung der Kirche im Jahre 1617 lange keine Sanierung erfolgt war, befand sich diese Anfang des 19. Jahrhunderts in einem sehr schlechten Zustand. Trotz einiger ausgeführter Reparaturen musste sie 1844 wegen Baufälligkeit geschlossen werden. Ein Bittbrief an König Friedrich Wilhelm IV. brachte die Wende: die Augustinerkirche wurde 1848 als Tagungshaus für das Unionsparlament mit Staatsgeldern im neugotischen Stil restauriert. 91 Abgeordnete des Staatenhauses und 223 Mitglieder des Volkshauses rangen hier von März bis Mai 1850 um einen Verfassungsentwurf. Später wurde dieser allerdings vom Fürstenkongress abgelehnt. Unter den Teilnehmern war auch Otto von Bismarck, dessen politische Karriere in der Augustinerkirche seinen Anfang nahm.

Nach dem Rückbau der Kirche 1852 wurde diese 1854 neu geweiht und nach einem Blitzschlag am Turm bot sich 1935 Anlass, die seit langem geplanten Sanierungsarbeiten in der Kirche vorzunehmen. Ziel war hierbei, den schlichten Charakter des 14. Jahrhunderts wiederherzustellen, wobei Kanzel, Orgel, Altar sowie das Dach unter der Leitung von Theo Kellner in ihr heutiges Erscheinungsbild versetzt wurden.

Der 25. Februar 1945 war der entsetzlichste Tag in der Geschichte des Klosters. Zwei englische Fliegerbomben trafen Waidhäuser und Bibliothek, in deren Kellerräumen Erfurter Bürger Zuflucht gesucht hatten. 267 Menschen verloren bei diesem tragischen Ereignis ihr Leben. Nur ein kleines Mädchen und ein Hund konnten aus den Trümmern gerettet werden.

Schon im Folgejahr begann der Wiederaufbau der durch die Druckwellen teilweise zerstörten Klosteranlage. Das Waisenhaus zog nach dem Krieg vollständig aus und wurde 1958 aufgelöst. Nach Wiederaufbau des Ostflügels und Modernisierung des Gästehauses konnte 1960 die Evangelische Predigerschule aus Wittenberg einziehen. Bis zu ihrer Auflösung 1993 wohnten und studierten über 500 junge Menschen im Augustinerkloster.

Das Gelände von Westflügel und Priorat gehörte seit der Säkularisierung der Stadt Erfurt. Nachdem 1669 dem Evangelischen Waisenhaus von dem Stadtrat der Ostflügel und das Gästehaus im Renaissancehof geschenkt wurde, verlief mitten durch das Kloster eine Grenze. Durch den Erwerb des Westflügels 1980 konnte auch dessen umfassende Wiederherstellung durchgeführt werden. In diesem Jahrzehnt wurde auch die Lutherausstellung eingeweiht und die Bibliothek des Evangelischen Ministeriums bezog neue Räume. 1988 konnte das kirchliche Tagungsheim eröffnet werden und zwei Jahre später wurde das Alte Priorat fertiggestellt, in das der Propst des Propstsprengels Erfurt einzog.

In den Jahren 2000 - 2003 wurden im Augustinerkloster umfangreiche Restaurierungs- und Modernisierungsmaßnahmen durchgeführt und zu einer zeitgemäßen Tagungs- und Begegnungsstätte ausgebaut.